ISY Fragebogen „Wertschätzung im Kollegium“
Begründung, wissenschaftliche Grundlage und schulentwicklerische Einordnung
1. Zweck und Einordnung
Der ISY Fragebogen ist als wissenschaftlich informierte Reflexionshilfe für Lehrkräfte angelegt. Er soll sichtbar machen, welche Aspekte professioneller Zusammenarbeit besonders zum Erleben von Wertschätzung beitragen und wie stark diese Aspekte im eigenen Kollegium aktuell wahrgenommen werden. Das Instrument ist weder ein klinisch-diagnostischer Test noch eine normierte Persönlichkeitsskala.
2. Aufbau und Auswertungslogik
Die überarbeitete Fassung verwendet 56 inhaltliche Items, verteilt auf acht Dimensionen mit jeweils sieben Items. In Teil 1 werden die 56 Items in 14 ausbalancierten Viererblöcken relativ priorisiert. Jede Dimension erscheint dabei siebenmal. In Teil 2 werden die inhaltlich entsprechenden 56 Items auf einer fünfstufigen Zustimmungsskala als aktuelle Erfahrung im Kollegium eingeschätzt.
Die Auswertung stellt das relative Präferenzprofil aus Teil 1 dem Erlebensprofil aus Teil 2 gegenüber. Prozentwerte und Netzgrafiken dienen der Reflexion; sie sind keine Norm- oder Vergleichswerte.
3. Wissenschaftliche Grundlage
Die acht Dimensionen bündeln Themen, die in Forschung zu Lehrkräftekooperation, professionellen Lerngemeinschaften, Schulentwicklung sowie Arbeits- und Organisationspsychologie wiederholt als bedeutsam beschrieben werden. Dazu gehören unter anderem Kooperation und Kokonstruktion, Feedback und Kommunikation, Beteiligung, Autonomie, Unterstützung, Vertrauen und Fairness. Die Zusammenstellung dieser Themen zu einem gemeinsamen ISY-Instrument ist theoriegeleitet; eine eigenständige psychometrische Validierung des Gesamtinstruments bleibt davon zu unterscheiden.
4. Acht Reflexionsdimensionen – aktualisierte Fassung
| Dimension | Leitfrage | Was wird erfasst? |
|---|---|---|
| 1. Anerkennung & Wertschätzung | Werde ich gesehen und anerkannt? | Einsatz, Kompetenz, Beiträge und professionelle Arbeit werden von anderen wahrgenommen und wertgeschätzt. |
| 2. Kollegiale Unterstützung | Kann ich auf konkrete Hilfe durch andere zählen? | Konkrete gegenseitige Hilfe, praktische Unterstützung, Rat und Entlastung im Arbeitsalltag. |
| 3. Offenheit & konstruktive Kommunikation | Können wir Informationen, Probleme und Feedback offen und konstruktiv austauschen? | Transparenter Informationsfluss, direkte Ansprache, Nachfragen, Feedback, Klärung und Austausch unterschiedlicher Sichtweisen. |
| 4. Vertrauen & psychologische Sicherheit | Kann ich mich zeigen, ohne Angst vor Abwertung oder negativen Konsequenzen haben zu müssen? | Möglichkeit, Unsicherheiten, Fehler, Nichtwissen, abweichende Meinungen und Belastungen ohne Angst vor Abwertung anzusprechen. |
| 5. Professionelle Kooperation | Entwickeln und lösen wir pädagogische Aufgaben gemeinsam? | Gemeinsame pädagogische Problemlösung, Reflexion, Unterrichtsentwicklung, fachlicher Austausch und gemeinsames Erproben. |
| 6. Partizipation & Mitgestaltung | Habe ich Einfluss darauf, was entschieden und verändert wird? | Mitsprache, Einfluss auf Entscheidungen, Beteiligung an Veränderungen sowie Einfluss auf Themen und gemeinsame Ziele. |
| 7. Fairness & Gegenseitigkeit | Ist das Verhältnis von Beiträgen, Belastungen und Unterstützung fair und wechselseitig? | Faire Verteilung von Aufgaben und Belastungen sowie ausgewogenes Geben und Nehmen. |
| 8. Autonomie & professioneller Handlungsspielraum | Kann ich innerhalb des gemeinsamen Rahmens selbst entscheiden, wie ich meine Arbeit gestalte? | Eigenverantwortliche pädagogische Entscheidungen, professionelle Freiräume und selbstständige Gestaltung innerhalb gemeinsamer Vereinbarungen. |
5. Schulentwicklerische Einordnung
Die Dimensionen sind auch für Schulentwicklungsprozesse anschlussfähig. Professionelle Kooperation, Beteiligung, Kommunikation und Autonomie stehen beispielsweise in engem Zusammenhang mit gemeinsamer Unterrichtsentwicklung, selbstorganisierten Arbeitsformen und dem Aufbau gemeinsamer professioneller Kapazitäten. Diese Bezüge sind als inhaltliche Anschlussstellen zu verstehen, nicht als Validierung des Fragebogens durch einzelne Schulentwicklungsansätze.
6. Interpretation und Grenzen
- Die Ergebnisse sind Reflexionswerte und keine diagnostischen Befunde.
- Teil 1 bildet relative Prioritäten innerhalb der vorgegebenen Items ab.
- Teil 2 bildet subjektiv erlebte aktuelle Erfahrungen ab.
- Unterschiede zwischen Präferenz und Erleben können Gesprächs- und Reflexionsanlässe liefern, sind aber nicht automatisch Defizite.
- Für Forschungszwecke wäre eine eigenständige psychometrische Prüfung des Gesamtinstruments erforderlich.
7. Literaturanschlüsse
Als zentrale wissenschaftliche Anschlüsse der bestehenden Begründung bleiben insbesondere Arbeiten zu professionellen Lerngemeinschaften und Lehrkräftekooperation (u. a. Bonsen & Rolff; Gräsel, Fußangel & Pröbstel; Steinert et al.; Grosche, Fußangel & Gräsel; Hartmann, Richter & Gräsel), zu Arbeits- und Organisationspsychologie (Nerdinger, Blickle & Schaper; Kauffeld), zu Autonomie im Lehrerberuf (Martinek) sowie zu Schulentwicklung und Beteiligung (Buhren & Rolff) anschlussfähig. Ergänzende Praxisbezüge zu Hattie/Zierer, Sliwka/Deeper Learning und beWirken/SOL können wie bisher als schulentwicklerische Einordnung genutzt werden.
Arbeitsgrundlage: neue ISY Item-Matrix (56 Items, 8 Dimensionen) und bisherige Begründungsseite: https://padagogische-bildung-60d6c9.webnode.page/isy-lehrerkollegium-grundlagen/